16 März 2010

Naturgewalt aus dem Niemandsland




Dass die Oklahoma City Thunder in dieser Saison erfolgreichen Basketball spielen und in den Western Conference Playoffs landen werden, ist Fakt. Soviel hat die Welt inzwischen mitbekommen. Was noch nicht ganz verankert zu sein scheint in den Köpfen der weltweiten Basketballgemeinschaft ist aber die Tatsache, dass es sich hierbei keineswegs um ein Strohfeuer handelt. Im Gegenteil: vor unser aller Augen reift eine Dynastie heran, die in der nächsten Dekade für mächtig viel Wirbel sorgen wird.

Noch vor drei Jahren war diese Franchise die Lachnummer der National Basketball Association. Als Seattle Supersonics hatte man die Saison 06/07 auf dem letzten Platz in der Northwest Division beendet mit einer Bilanz von 31-51, der fünftschlechtesten der ganzen Liga. Das Team wurde im Sommer 2007 an Clay Bennett verkauft, einen Geschäftsmann aus Oklahoma, der in den Folgemonaten den historischen Umzug in seine Heimatstadt orchestrierte. Noch wichtiger jedoch war die Einstellung von Sam Presti als General Manager. Presti war damals erst 30 und hatte seine Lehre bei den San Antonio Spurs absolviert, wo er in nur wenigen Jahren bis zum Assistant General Manager empor gestiegen war. Nebenher zeichnete sich Presti für die Verpflichtung von Tony Parker verantwortlich, den Spurs-Coach Gregg Popovich zunächst überhaupt nicht draften wollte, und etablierte zudem ein kompliziertes, aber überaus effektives Scouting-System, welches mittlerweile von vielen NBA-Teams genutzt wird. So verhalf das "Genie hinter den Kulissen", wie ihn Popovich seinerzeit nannte, den Spurs zu drei ihrer insgesamt vier NBA-Titel.

Presti machte sich in Seattle an die Arbeit. Er hatte eine klare Vision und war bereit, für seine Ideen unpopuläre Entscheidungen zu treffen. "Ich hatte drei Ziele", so Presti später. "Erstens wollte ich eine Team-Identität kreieren - wer wollten wir sein? Als zweites dann die Frage: welche Sorte Spieler wollen wir haben? Und schließlich noch: eine bestimmte Spielweise etablieren." Viele Kritiker verstanden die Moves nicht, mit denen der frisch ernannte Manager seinen Kader umkrempelte. Tatsächlich ging Presti mit der Abrissbirne gegen den eigenen Roster vor. So trennten sich die Sonics innerhalb weniger Wochen von ihren einzigen Stars, Rashard Lewis und Ray Allen (siehe Details). Im Gegenzug aber fing Sam Presti an, wie ein Besessener Draft Picks einzusammeln und in teils einseitigen Deals Geld unter dem Salary Cap freizuschaufeln.


Stationen eines Neuaufbaus:
- 06/2007 (GM) Sam Presti wird General Manager
- 06/2007 (Draft) Kevin Durant (2. Pick)
- 06/2007 (Trade) Wally Szczerbiak, Delonte West, der 5. Pick (Jeff Green) und Zweitrunden-Pick aus Boston für Ray Allen und Pick Nr. 35 (Glen Davis)
-07/2007 (Sign-and-Trade) Zweitrunden-Pick plus 9 Mio $ Trade Exception aus Orlando für Rashard Lewis
- 07/2007 (Trade) 9 Mio $ Trade Exception aus Phoenix für Kurt Thomas und 2 Picks
- 07/2008 (Draft) Russell Westbrook (4. Pick), Serge Ibaka (24.), DJ White (29.)
- 08/2008 (Trade) Kyle Weaver aus Charlotte für Zweitrunden-Pick
- 11/2008 (Coach) Scott Brooks wird zum ersten Mal Cheftrainer in der NBA
- 12/2008 (Free Agent) Nenad Krstic wird direkt aus Europa verpflichtet
- 02/2009 (Trade) Thabo Sefolosha aus Chicago für Denver's Erstrunden-Pick (26.)
- 07/2009 (Draft) James Harden (3.), BJ Mullens (24., via Trade mit Dallas)
- 12/2009 (Trade) Eric Maynor aus Utah für die Rechte an Patrick Fehse



So blieb innerhalb kürzester Zeit nur noch ein Spieler aus dem 2007er Aufgebot übrig: Nick Collison. Mittlerweile haben die ehemaligen Sonics alles, was sich NBA-Teams so wünschen: einen jungen Kader (12 Spieler unter 25), der perfekt ausbalanciert scheint, einen absoluten Superstar, einen der besten jungen Coaches der Liga, dazu massenweise Draft-Picks und Salary-Geld satt, um in den nächsten Jahren weiter aufzustocken. Presti, das Mastermind, hat nach und nach die passenden Puzzleteile eingesammelt, und der Erfolg spricht für sich.

Head Coach Scott Brooks, der in den 90ern mit den Houston Rockets eine Championship gewann, hat sich schnell als exzellenter Trainer in der Liga etabliert und mit seiner klaren, freundlichen Linie aus den Thunder eine kohäsive Einheit geformt. Nicht umsonst gilt Brooks als Favorit auf den 'Coach des Jahres'-Award. Mit Kevin Durant hat OKC einen wahren Superstar in seinen Reihen, der jetzt schon, mit gerade einmal 21 Jahren, zu den besten Scorern der Liga zählt. Er gibt seinem Team die oft benötigte 'go-to Option' in den entscheidenden Phasen eines Spiels und ist offensiv nicht zu stoppen. Durant erzielt knapp 30 Zähler pro Partie und trägt die Thunder auf seinen schmächtigen Schultern durch die Saison. KD erzielte in den vergangenen Monaten in 29 aufeinanderfolgenden Spielen 25 Punkte oder mehr. Es war die zweitlängste Serie dieser Art nach Michael Jordan (40) und lässt nur erahnen, wie viel sich Durant noch steigern kann. Neben Durant wird Russell Westbrook für die Thunder immer wichtiger. In seinem erst zweiten Profijahr entwickelt sich der 1,91m grosse Guard zum verlängerten Arm von Coach Brooks auf dem Platz. Er pusht das Tempo und übernimmt oft und gerne die Aufgabe des zweiten Scorers, der KD in der Offensive entlastet. Der 'Glue Guy' im Team ist sicherlich Jeff Green, ein extrem vielseitiger Forward, der in allen Facetten des Spiels bewandt ist und die vielen kleinen Dinge tut, die ein Basketballteam erfolgreich machen. Neben knapp 15 Punkten und 6 Rebounds im Schnitt kommt Green auf 1 Steal, 1 Block und mehr als 1 Dreier pro Partie. Ein echter Allrounder eben. Nenad Krstic spielt unspektakulär, passt aber mit seinen für einen Center exzellenten Ballbehandlung bestens ins Team-Konzept und zählt zu den besten Passgebern auf seiner Position. Dank seinem guten Wurf aus der Mitteldistanz öffnet der Serbe zudem Räume unter dem Korb für Durant oder Westbrook. Der Schweizer Thabo Sefolosha, der in Chicago vor sich hinvegetierte, hat bei den Thunder die in ihn gesetzten Erwartungen als 'Defensiv-Roboter' mehr als erfüllt. So verteidigt Thabo routinemässig den besten Spieler des Gegners, Durant kann sich ganz seiner Aufgabe als Scorer widmen.

Sefolosha zählt ausserdem zu den Vorreitern des neuen Thunder-Stils, die sich mit beinharter Verteidigung ins Rampenlicht gespielt haben. OKC's Defense, dirigiert von Defensiv-Guru und Assistenztrainer Ron Adams, hat sich in nur einem Jahr von Platz 28 auf Platz 5 verbessert. Das junge Team erlaubt die drittschlechteste Trefferquote aus dem Feld (41%) und zweitschlechteste Dreier-Quote (34%) der Liga. Die Art und Weise, wie die Thunder verteidigen, hat viel mit ihrer wohl grössten Stärke zu tun: Zusammenhalt. Keiner will den anderen im Stich lassen und reisst sich dementsprechend den Arsch auf. In der Addition kommt dabei exzellente Help-Defense und ein ständiges Rotieren bei rum, der Gegner wird oft zu schlechten Würden gedrängt. Eric Maynor, neben James Harden, Serge Ibaka, Kyle Weaver und Rebounding-Spezialist Nick Collison wichtiger Bankspieler, weiss um die besondere Chemie im Team und fühlt sich ans College zurück erinnert: "Wir hängen die ganze Zeit zusammen ab, die Kameradschaft untereinander ist einmalig."

Momentan liegt Oklahoma City auf Platz fünf in der hart umkämpften Western Conference, hat sich aber bis auf einen Sieg an die Utah Jazz herangepirscht. Könnte also gut sein, dass die Thunder, die vor dieser Saison keiner auf der Rechnung hatte, mit Heimrecht in die erste Playoff-Runde starten. Wer auch immer der Gegner wird, sollte sich auf eine hart umkämpfte Serie einstellen, denn dieses Team ist jung, hungrig und hat überhaupt nichts zu verlieren. Alle Erwartungen wurden schon längst übertroffen.

Mit einem oder zwei Jahren mehr an Erfahrung, einem Quäntchen Glück (Vetragsverlängerung der Leistungsträger Durant, Westbrook, Green) und einem verlässlichen Scorer von der Bank wird sich die einstige Lachnummer der Liga auf Dauer in der NBA-Elite etablieren. Daran sollte man sich schon einmal gewöhnen.

Kommentare:

  1. Bin durch deinen kleinen "Auftritt" bei spox auf den Blog aufmerksam geworden und bin echt positiv überrascht. Die Story ist sehr geil recherchiert und verdammt gut auf Papier gebracht.
    Hab als OKC-Fan noch keinen besseren (deutschen) Blog über die Thunder gelesen.
    Top!

    AntwortenLöschen
  2. Dass meine müden Augen noch irgendwo in einem zeitgenössischen und zudem sauber gestrickten Buchstabenhaufen den Namen Fehse (öhöm, Peta müssta heißen...) erspähen, lässt mich kurz kichern...

    Gut angerührt, Chefkoch. Lass weiter so dünsten!

    AntwortenLöschen