23 Juli 2017

23. Juli, 2017


Wie jedes Jahr verliert die NBA Free Agency Mitte/Ende Juli ziemlich an Fahrt. Die namhaftesten Spieler haben ihren neuen Kontrakt unterzeichnet, die meisten Teams ihre Roster gefüllt und nur noch minimalen oder gar keinen Cap Space übrig. Daher lohnt sich ein erstes Fazit: Die NBACHEF-Redaktion hat die Rechnung parat.

von NBACHEFSQUAD

Der WTF-Trade

Stefan Dupick @hoopsgamede: Chris Paul zu den Rockets! Paul an der Seite von Harden unter Mike D'Antoni war im ersten Moment ein Schocker oder vielmehr ein Trade aus einem Fantasy-Game! Inzwischen ist die Aufregung jedoch in Vorfreude umgeschwenkt. Nachdem dann deutlich wurde, dass sowohl Harden, als auch Paul diesen Deal haben wollten, bin ich echt gespannt wie das funktionieren wird...

Philipp Landsgesell @Phillyland: Der Paul George Trade nach Oklahoma. Victor Oladipo und Domantas Sabonis sind zwar nett, bringen die Pacers aber überhaupt nicht weiter. Dass George in einem Jahr wohl zu den Lakers gehen wird, dürfte seinem Trade-Wert nicht geholfen haben. Dennoch: Zwei nette junge Spieler für einen Top 10-Spieler? Das ist viel zu wenig. Mindestens ein Erstrundenpick und ein paar Zweitrundenpicks hätten drin sein müssen. Vielmehr nehme ich George mit in die Saison und warte darauf, dass ein anderes Team verzweifelt und ein Angebot an der Trade Deadline abgibt.


Christoph Lenz @NBAKenner: Auch wenn der Trade von Chris Paul aus völlig heiterem Himmel kam und die Liga schon vor Beginn des Moratoriums auf den Kopf stellte, kann ich ihm hier nicht den ersten Platz überlassen. Denn obwohl (oder vielleicht auch gerade weil?) ein Paul George-Trade absolut vorhersehbar war, sorgten sowohl die Destination, als auch der Gegenwert für zahlreiche Emojis mit weit aufgerissenen Augen in Twitter-Timelines und WhatsApp-Gruppen. Ein weiterer Faktor, der diesen Trade zum größten Faszinosum der Offseason macht, sind die Implikationen und Fragen, die sich dadurch für die Zukunft von Russell Westbrook ergeben. Wird er langfristig in Oklahoma City bleiben? Wird das Duo Westbrook/George überhaupt bis zum Saisonende zusammenbleiben? Schmieden die California Kids Pläne für eine gemeinsame Zukunft in L.A.?

Marc Lange @godzfave44: Meine Kinnlade hatte einen Abdruck im Boden hinterlassen, als verkündet wurde, dass Paul George nächste Saison in Oklahoma zockt. Nicht weil ich denke, dass das Duo Westbrook/George nächste Saison ein ernsthafter Titel-Aspirant ist. Der Ex-Pacer ist keineswegs besser als Kevin Durant und schon mit ihm schien es nicht machbar, sich im starken Westen durchzusetzen. Viel eher beschäftigt mich das „Warum?“: Es muss ein größerer Plan hinter diesem Move stecken. Momentan deutet nämlich alles daraufhin, dass die Thunder George nur für eine Saison gemietet haben, ehe er sich in Richtung Los Angeles verabschiedet.

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Daniel Schlechtriem @W14Pick: Vom Gegenwert her sicherlich Paul George zu OKC, aber dass George überhaupt getradet werden wird, war ja absehbar. Anders bei Chris Paul: Zwei Tage vor Beginn der Free Agency – mit ihm als einem der Hauptdarsteller – kam CP3s lancierter Trade völlig aus dem Nichts und hat das Machtgefüge im Westen und damit auch der ganzen Liga nachhaltig verändert.


Der signifikanteste Free Agent-Wechsel

Dupick: Gordon Hayward zu den Celtics. Die Jazz werden Hayward extrem vermissen, nun muss Utah um Rudy Gobert ein neues Team aufbauen und scheint den Fokus dabei auf Defense zu legen. In Boston werden die Fans und Mitspieler den neuen Flügel lieben. Hayward ist ein guter Shooter, kann Verantwortung übernehmen und ist dennoch selbstlos genug, um nicht immer in der ersten Reihe stehen zu müssen. Dennoch wird es mit dem aktuellen Kader schwierig gegen den King und seine Cavs im Osten zu bestehen.


Landsgesell: J.J. Redick. Endlich hat Philly einen Guard mit tödlichen Distanzwurf. Zusammen mit (hoffentlich gesunden) Ben Simmons, Markelle Fultz und Joel Embiid dürften die Sixers einen großen Sprung machen. Wie weit dieser geht, hängt vor allem an der Gesundheit der genannten Spieler ab.

Lenz: Der Free Agent, der durch seinen Wechsel die kurz- und mittelfristige Ausrichtung von zwei Franchises mehr verändert hat als jeder andere ist in meinen Augen nicht Gordon Hayward (die Jazz werden klarkommen, die Celtics wären auch ohne ihn gut gewesen). Denn den Einfluss, den Paul Millsap mit seinem Wechsel auf die Zukunft der Atlanta Hawks und der Denver Nuggets hat, ist weitaus signifikanter. Die Hawks a. k. a. das Team, das jetzt Dennis Schröder „gehört“, rutscht via Lawine vom alljährlichen Anwärter auf Playoff-Heimvorteil direkt ins Rennen um die Draft-Elite des Jahres 2018. Denver hingegen bringt endlich einen starkalibrigen Veteranen ins Team. In Kombination mit der natürlichen Entwicklung der zahlreichen jungen Talente kann seine Präsenz das Team auch im Blutbad, das die Western Conference sein wird, auf ein neues Level heben.

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Lange: Ich gehe auch mit Paul Millsap. Er ist der richtige Spieler, am richtigen Ort, mit dem richtigen Vertrag. Der Veteran kann scoren, passen, rebounden, verteidigen und ist somit eigentlich für jedes Team eine starke Ergänzung. In Kombination mit dem Skillset von Nikola Jokić könnte der All-Star in Denver zudem eines der besten Big Men Duos (wenn nicht sogar das beste) der NBA bilden. Zudem läuft sein Vertrag nur drei Jahre – ungefähr die Zeit, bevor der 32-Jährige seinen Zenit überschreitet. Mit diesem Wechsel wurde einfach mal alles richtig gemacht. Der achte Platz im Westen ist für die Nuggets definitiv kein Wunschdenken mehr.

Schlechtriem: Gordon Hayward zu Boston. Irgendwie hat es ja fast jeder kommen sehen – vier von fünf bei unserem Bingo seinen Wechsel richtig getippt. Und es passt auch einfach zu gut: Hayward hievt Brad Stevens' Offensive zu den besten der Liga und verteidigt zusammen mit Al Horford und Isaiah Thomas wahrscheinlich den ersten Platz der Eastern Conference. Utah auf der anderen Seite wird um die Früchte der Arbeit der letzten Jahre gebracht und fällt vom Anwärter auf Homecourt zu einem Vielleicht-Playoff-Team. In Absenz ihres besten Scorers fehlt den Mormonen die ohnehin schon zu selten offenbarte offensive Muse, sodass ein Rückschritt in die Mediocrity Treadmill droht.


Der beste freie Spieler

Dupick: Von den noch verbleibenden Free Agents würde ich mich für Nerlens Noel entscheiden. Der Center ist gerade 23 Jahre alt geworden und bietet eine Menge Upside. Noel ist ein Rohdiamant und kann in den nächsten Jahren speziell in der Defensive den Unterschied machen. Noel fordert einen Maximal-Vertrag, da Big Men mit seinem Skillset in der Liga aktuell jedoch nicht so sehr gefragt sind und seine Verletzungs-Historie zudem Fragen aufwirft, wird er diesen Vertrag vermutlich nicht bekommen. Aus meiner Sicht wäre ein Deal über zwei Jahre und ca. 36 Mio. $ angemessen, so könnte Noel in den kommenden beiden Spielzeiten beweisen, dass er einen richtig dicken Vertrag verdient und dann im Anschluss in einen langfristigen Multimillionen-Kontrakt einchecken.

Landsgesell: Derrick Rose. Die guten Zeiten des ehemaligen MVPs sind endgültig vorbei. Während er in der Offensive noch einigermaßen brauchbar ist, verteidigt er grausam. Es spricht eine deutliche Sprache, dass er immer noch ohne Vertrag ist. Für Teams, die Probleme haben zu scoren und schnelle Punkte von der Bank benötigen, könnte eine Verpflichtung von Rose dennoch Sinn ergeben. Die Frage ist aber, ob Rose ein Scorer von der Bank sein will oder er immer noch der Meinung ist, dass er auf dem Niveau von 2011 spielt.


Lenz: Neben großen Namen wie Derrick Rose (dessen positiver Einfluss fraglich scheint) sowie dem wohl an Dallas gebundenen Restricted Free Agent Nerlens Noel gibt es weitere interessante Namen. Mason Plumlee sticht aus dem (sehr weißen) Potpourri aus Plumlees und Zellers am meisten heraus. Seine Statistiken sind beeindruckend ausgewogen, unter Big Men stellt er angesichts seiner hohen Assist-Zahlen offensiv einen selten verfügbaren Spielertypus dar, war defensiv in der Schlussphase einer der besten Verteidiger unterm Korb. Gemessen an gegnerischer Wurfquote bei Versuchen aus sehr kurzer Distanz unter anderem besser als Jusuf Nurkić, für den er von Portland nach Denver getradet wurde.

Lange: Auch wenn er nicht mehr der ist, der er einmal war: Derrick Rose. Nach einer eher mauen Saison in New York ist der ehemalige MVP in dieser Off-Season noch verfügbar. Zwar wird kein GM in der NBA mehr auf die Idee kommen, ein Team um den 28-Jährigen aufzubauen. Wenn Rose seine absurden Gehaltsvorstellungen jedoch ein wenig runterschraubt, könnte er vielleicht bei einem (Borderline-)Contender landen und dort für den Unterschied sorgen. Momentan gibt es angeblich Gespräche zwischen ihm und den Cleveland Cavaliers. Rose als Backup von Irving (falls überhaupt)? Diese Superteam-Liga ist so verrückt geworden, dass ein solches Szenario nicht einmal unwahrscheinlich wirkt...

Schlechtriem: Der August ist in Sichtweite und rentable Restricted Free Agents wie JaMychal Green, Nikola Mirotić oder Mason Plumlee haben noch keinen neuen Vertrag: Eine Konsequenz des letzten Jahres, als einige Clubs mit überdimensionierte Verträgen um sich geworfen und nun keinen Cap Space mehr haben. Bei Nerlens Noel wundert es mich aber sehr: Er ist jung und hochbegabt, eine in Dallas eher selten gesehene Kombination. Entsprechend sollte für Noel oder einen der anderen genannten Kandidaten das Qualifying Offer und damit die Aussicht auf einen besseren Vertrag im nächsten Jahr als Unrestricted immer verlockender erscheinen. Der Fall Motiejunas hat gezeigt, wie schnell eine Karriere den Bach runter gehen kann.



Der Dirk Nowitzki-Award für den teamfreundlichsten Vertrag

Dupick: Auch wenn es komisch klingt, doch hier ist ganz klar Kevin Durant zu nennen! Sein Gehaltsverzicht ist der Kleber, der den Warriors-Kader der Vorsaison zusammenhält. 53 Mio. $ für zwei Jahre sind natürlich immer noch eine Menge Geld, KD ist jedoch ein Top 5-Spieler und würde somit auch jedes Gehalt bekommen, welches er möchte (/darf). Sein Gehaltsverzicht zeigt deutlich, dass er den Fokus auf Titel legt und die gute Chemie im Kader schätzt.

Landsgesell: Der Dirk Nowitzki-Award geht an Dirk Nowitzki. Die zehn Millionen für zwei Jahre sind ein schlechter Witz. Dazu ist das zweite Jahr eine Team-Option. Dirks Shooting lässt ihn noch im gehobenen Alter zu einem wichtigen Bestandteil der Offensive der Mavs sein. Seine Präsenz auf und neben dem Feld für fünf Millionen? Wahnsinn.


Lenz: Während LeBron James im Rahmen des neuen Curry-Vertrags die Existenz von Maximalverträgen, die die Top-Stars „by design“ unterbezahlen, kritisiert, unterschreibt Kevin Durant einen Vertrag, der ihm im ersten Jahr etwa neun Mio. $ weniger als das maximal Mögliche einbringt. Dadurch ermöglichte er den Warriors auch seine Kollegen Andre Iguodala und Shaun Livingston zu wettbewerbsfähigen Bezügen unter Vertrag zu halten. Während einige Stimmen in Richtung „er tut damit NUR den Teambesitzern einen Gefallen“ zu vernehmen waren, ist diese Entscheidung letztendlich eine eher eigennützige. Denn hätte er mehr Geld verlangt, hätten darunter letztendlich die Erfolgsaussichten des Teams (auf einem in jedem Fall extrem hohen Niveau) gelitten.


Lange: In einer Welt, in der Tony Snell 46 Mio. $ über vier Jahr erhält, kann man sich sich absolut bedenkenlos einen verletzungsanfälligen Tyreke Evens für eine Saison und 3,3 Mio. $ ans Bein binden. Genau das haben die Grizzlies jetzt getan und sich auf dieses Low-Risk-High-Reward-Geschäft eingelassen. Bleibt Evans gesund, bekommt die Memphis-Bank einen dringend benötigten Scoring-Punch. Wenn nicht... ja mei, dann haben sie Peanuts in den Wind geschossen. Fakt ist: In der heutigen NBA gibt es definitiv schlechtere und teurere Alternativen als den vielseitigen Combo-Guard.

Schlechtriem: Kevin Durant hat den Warriors einen riesigen Gefallen getan, denn ohne seinen Verzicht wären die Verträge für Shaun Livingston und Andre Iguodala in dieser Form nicht möglich gewesen. Dennoch: Ein Top-3 Spieler, der in der nächsten Saison weniger grüne Scheine einsammelt als Mike Conley, DeMar DeRozan oder Al Horford? Muss einem nicht gefallen.


Der Miles Plumlee-Award für den miesesten Vertrag

Dupick: Welcome to New York City! Kaum ist Phil Jackson weg, zeigt das Management der Knicks, dass die fragwürdigen Entscheidungen der letzten Jahre nicht nur auf des Zen-Meisters Mist gewachsen sind. Tim Hardaway Jr. unterschreibt für vier Jahre und 71 Mio. $! Hardaway ist kein schlechter Spieler, aber zu dem Preis massiv überbezahlt. Außerdem haben die Knicks ihn in die Liga geholt. Hätten sie ihn damals nicht getradet, wäre Hardaway heute auch in NYC – nur vermutlich zu einem viel günstigeren Preis als Restricted Free Agent.

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Landsgesell: 71 Millionen für Tim Hardaway Jr. Der Sommer der Knickerbockers ist einfach nur peinlich. Erst das Drama um das absichtliche Fehlen von Porzingis bei den Exit-Interviews, dann die Posse um Jackson und Melo und nun schmeißen sie Hardaway Junior Geld hinterher, obwohl sie ihn vor zwei Jahren schon weggaben. Mit Hardaway, Noah und Lee bezahlen die Knicks nun rund 50 Mio. $, fast die Hälfte des aktuellen Salary Caps, bis 2020.

Lenz: Otto Porter zählt im kommenden Jahr zu den 15 NBA-Spielern, die am meisten Geld verdienen werden. Das entspricht noch weniger seinem Status in der Liga, als das beim Vertrag von Tim Hardaway, der jetzt ein bisschen mehr als das durchschnittliche Gehalt eines Starters (das sind aktuell ziemlich exakt 15 Mio. $) verdient, der Fall ist. Das wäre auch das angemessenere Gehalt für Otto Porter gewesen, der für die Wizards bestenfalls der drittwichtigste Spieler ist, phasenweise vor allem durch defensive Schwächen, auch als Nummer vier oder fünf im Roster durchgehen kann.

Lange: Tim Hardaway Jr.! 71 Millionen! Vier Jahre! Das Management der New York Knicks hat sich mit diesem Schachzug mal wieder selbst übertroffen. #DontTrustTheProcess: Courtney Lee, Joakim Noah und Hardaway verdienen nächste Saison zusammen in etwa 47 Millionen – bei einem Salary Cap von 99 Mio. $. Wie kann man unter solchen Voraussetzungen so einen Kontrakt raushauen? Klar hat der Sohn der NBA-Legende noch ein wenig Upside und könnte sich zu einem guten Offensiv-Spieler entwickeln. Aber allein durch seine fast nicht vorhandene Defensive hätte dieser Vertrag niemals auf seinem Tisch landen dürfen. Da kommt man sich fast dämlich vor, nach dem Phil Jackson-Fiasko angenommen zu haben, dass es im Big Apple vielleicht ein wenig ruhiger wird.


Schlechtriem: Jrue Holiday und Cristiano Felicio schaffen es aufs Treppchen, doch den Deal von Tim Hardaway Jr. schlägt keiner. 71 Mio. $ garantiert für einen Shooter, den sie erst vor zwei Jahren für Peanuts (Jerian Grant) weggeschickt haben und dessen einzige Qualität, der Wurf, nicht konstant funktioniert? Das schaffen nur die Knicks.