09 Oktober 2017

9. Oktober, 2017


Nach Media Days, Trainingscamps und ersten Testläufen ist klar: das neue NBA-Jahr 2017/18 ist inoffiziell underways. Wir haben wie gewohnt alle 30 Mannschaften durchgecheckt und prognostizieren euch bis zum echten Start am 17. Oktober die kommende Saison. Heute: die Cleveland Cavaliers.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

Flashback
51-31, NBA Finals (1-4 vs. Golden State Warriors)

Plus
Isaiah Thomas
Jae Crowder
Dwyane Wade
Derrick Rose
José Calderon
Jeff Green
Cedi Osman
Ante Žižić

Minus
Kyrie Irving
Deron Williams
Derrick Williams
James Jones

Was ist Neu?
Der vor einigen Wochen noch nicht für möglich gehaltene Blockbuster-Trade um Kyrie Irving trennt die Big Three von Clevelands Meisterschaftsmannschaft. Doch nicht zum Nachteil der Cavaliers: Isaiah Thomas ersetzt den No. 1 Pick des 2011 Drafts positionsgerecht ohne allzugroße qualitative Abstriche. Jae Crowder bringt Härte und Intensität in die zuletzt wacklige Verteidigung. Der ungeschützte Pick der Brooklyn Nets wird nach menschlichem Ermessen in den Top 10 landen. Insgesamt also ein ansehnliches Paket für den abwanderungswilligen Irving.


Doch auch vor diesem Trade war der neue GM Koby Altman, der den langjährigen Exekutiven David Griffin ablöst, keineswegs untätig: Die Routiniers Derrick Rose und José Calderon sollen den letztes Jahr vor allem bei der zweiten Garde schalen Spielaufbau beleben. Combo Forward Jeff Green verstärkt ebenfalls die Bank und hofft in Cleveland auf eine Revitalisierung seiner zuletzt eingeschlafenen Karriere.

Ein später Coup beschert den Kavalieren den von den Chicago Bulls aus dem Vertrag gekauften Dwyane Wade. Der bringt nicht nur massig Erfahrung und Championship-Routine nach Ohio, sondern vereinigt gemeinsam mit LeBron James zwei Drittel der Miami Thrice wieder, die in allen vier Spielzeiten von 2011 bis 2014 die Finals erreichten und zwei Mal die Meisterschaft nach South Beach holten.

Beste Addition
Isaiah Thomas ...  Der „King of the Fourth“ war einer der Hauptgründe für den ersten Platz in der Eastern Conference sowie dem Einzug der Boston Celtics in die Conference Finals. Nun tauscht Thomas nicht ganz freiwillig mit Kyrie Irving die Seiten und spielt für das Team, das er eigentlich vom Thron stoßen wollte.


Der Punkteschnitt vom 28,9 im Vorjahr ist ein Karriere-Bestwert und macht Isaiah zum numerisch gefährlichsten Offensivspieler des Vizemeisters. Das Zusammenspiel mit LeBron eröffnet Thomas nicht nur eine höchstqualitative Anspielstation, sondern gibt ihm zusätzlich die Möglichkeit, häufiger off-ball als Slasher zuzuschlagen. Thomas' Qualität und Mentalität sind unbestritten, sodass er das Potential mitbringt, seinen Vorgänger schnell vergessen zu machen.

The Planet
LeBron James ... Von den Warriors klar geschlagen, aber dennoch weiter der beste Spieler der Welt. Auch mit bald 33 Jahren zeigt der dreizehnfache All-Star keinerlei Abnutzungserscheinungen, übertrumpfte vergangene Saison sogar seinen persönlichen Rekord für Rebounds (8,6) und Assists (8,7) pro Spiel. Das Net Rating von 7,7 gibt nicht im Ansatz die Signifikanz wieder, die James auf und für seine Mannschaft hat.

Dennoch droht Ärger im Paradies: LeBrons Vertrag läuft im kommenden Sommer aus und bisher hat er wenig Bedarf an einer Verlängerung durchblicken lassen. Nach dem Titelgewinn 2016 hat Clevelands Lokalmatador seine Mission erfüllt, das Verhältnis zu Teambesitzer Dan Gilbert ist weiterhin frostig, mit der kürzlichen Personalpolitik – allen voran der Ablösung von GM David Griffin – sowie mit Gilberts Nähe zum US-Präsidenten zeigt er sich wenig einverstanden. Alles Gründe die dafür sprechen, dass wir James' finale Saison im Trikot der Cavaliers erleben.


Rising Star
Cedi Osman ... In einem mit Veteranen gespickten Kader und Ansprüchen auf die Championship bleibt wenig Platz für Experimente und Talententwicklung. Folglich darf der aus der Türkei über den Teich geholte Flügelspieler Cedi Osman nicht unbedingt früh in der Saison mit Minuten rechnen. Dwyane Wade, J.R. Smith, Kyle Korver, Iman Shumpert und Richard Jefferson sind allesamt gestandenes und gehobenes NBA-Material und in der Hackordnung vor Osman.

Dass dennoch zumindest mittelfristig mit dem 22-Jährigen zu rechnen sein wird, stellte er zuletzt bei der EuroBasket im eigenen Land unter Beweis. Mit durchschnittlichen 16,0 Punkten, 5,0 Rebounds und 3,8 Assists war er bester Mann der türkischen Nationalmannschaft. Osman wird vor allem angesichts der personellen Konkurrenz einige Zeit brauchen, sein Spiel an die NBA anzupassen. Für die Zeit nach LeBron – unabhängig ob 2018 oder später – ist er allerdings einer der Hoffnungsträger der Franchise.

Don’t Sleep! 
Dwyane Wade ... Das eine Jahr in der Heimatstadt wird als schwarzer Fleck auf der sonst weitgehend blütenweißen Weste Wades in Erinnerung bleiben. Diesem Reinfall zum Trotz gehört der dreifache Champion selbst mit seinen bald 36 Jahren keineswegs zum alten Eisen. D-Wade mag an beiden Enden des Spielfelds nicht mehr die Dynamik früherer Tage ausstrahlen, findet aber als Adjutant LeBrons in Cleveland mutmaßlich die perfekten Bedingungen für den Spätherbst seiner Karriere vor.


Die Symbiose mit LeBron wird schlafwandlerisch funktionieren. Als dritte oder vierte Scoring Option der Startformation oder gar als Mikrowelle von der Bank ist der Shooting Guard auch unter reduzierten Minuten jederzeit für 20 Punkte oder mehr gut.

Beste Fünf
Thomas – Wade – James – Crowder – Love

Good News
+ Die Cavs sind besser geworden, der Osten schlechter: Einem weiteren Durchmarsch mindestens bis in die Conference Finals steht nichts im Wege
+ Dank des Freifahrtschein in die Conference Finals sind die Cavs erster Ansprechpartner für qualitative Buy-Outs anderer Teams
+ LeBron James bleibt bis Juni ein Cavalier, die No-Trade Klausel unberührt
+ Der ungeschützte Draft Pick der Nets eröffnet dem Management die Möglichkeit, das Team via Trade für den Championship-Run weiter zu verstärken, oder aber gut gerüstet in einen möglichen Rebuild zu gehen


Bad News
- The Decision Part II: LeBrons drohender zweiter Abgang aus Cleveland wird die ganze Saison über den Medienzirkus dominieren
- Neuzugang Isaiah Thomas fehlt wegen einer Hüftverletzung auf unbestimmte Zeit, wahrscheinlich bis Weihnachten
- Thomas' Ersatzmänner Rose und Calderon haben ihre besten Tage längst hinter sich
- Trotz namhafter Verstärkungen ist die Kluft zu den Warriors nicht entscheidend kleiner geworden

Was fehlt?
Ein echter Center – ergo Rebounding und Rim Protection. Vergangene Saison beendeten die Cavs die Regular Season als 19. in der Rebound Rate, gar nur 22. in Defensiver Effizienz. Ein echter Shotblocker geht dem Team abhanden, egal ob Tristan Thompson mit seinen „nur“ 2,06 Meter startet oder von der Bank kommt.

Experimente um Andrew Bogut, Larry Sanders und Edy Tavares sind krachend gescheitert, sodass Coach Tyronn Lue Kevin Love als Starter auf der Fünf erwägt. Dieser würde wegen seiner Gefährlichkeit von der Dreierlinie für zusätzliches Spacing sorgen, allerdings wäre die eigene Zone aufgrund Loves bekannter Defizite noch schlechter bewacht als bisher.

Check 1,2
Kompetitiver, vielseitiger, tiefer. Die rüstigen Cavs (acht Spieler mit garantiertem Vertrag haben die 30 überschritten) rufen mutmaßlich ein letztes Mal gegen die Golden State Warriors zu den Bannern, sind aber immerhin besser bewaffnet als im Vorjahr.

Der forcierte Abgang des Eigengewächses Irving schmerzt, denn der erst 25-Jährige hätte die Post-LeBron Cavaliers zu „seinem“ Team kreieren können. Nach Irvings Trade steckt Cleveland noch tiefer im Win-Now-Modus als ohnehin schon. Alles über den Juni 2018 hinaus und dem erklärten Ziel, zum vierten Mal in Folge in die NBA Finals einzuziehen, ist Makulatur – bis eben jene Finals gespielt sind.

Chef-Orakel
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