11 Oktober 2017

11. Oktober, 2017


Nach Media Days, Trainingscamps und ersten Testläufen ist klar: das neue NBA-Jahr 2017/18 ist inoffiziell underways. Wir haben wie gewohnt alle 30 Mannschaften durchgecheckt und prognostizieren euch bis zum echten Start am 17. Oktober die kommende Saison. Heute: die L.A. Clippers.

von JAN WIESINGER @WiesiG

Flashback
51-31, Playoffs Runde eins (3-4 vs. Utah Jazz)

Plus
Danilo Gallinari
Miloš Teodosić
Patrick Beverley
Lou Williams
Sam Dekker
Montrezl Harrell
Willie Reed
Jawun Evans
Sindarius Thornwell
LaDontae Henton

Minus
Chris Paul
J.J. Reddick
Jamal Crawford
Paul Pierce
Raymond Felton
Luc Richard Mbah a Moute
Marresse Speights
Brandon Bass
Alan Anderson
Diamond Stone

Was ist Neu?
Eine ganze Menge. Mit dem Abgang von Admiral Chris Paul, der die Clippers-Franchise in den letzten sechs Jahren durch die rauen Fahrwässer der Liga navigierte, erlebte das Team aus Los Angeles eine Zäsur, wie sie in der NBA nur selten vorkommt. Nicht nur der viel diskutierte Paul-Trade, sondern auch eine enorme Fluktuation in der Free Agency führten zu einer kompletten Neuaufstellung beim Spielermaterial. Im Kader für die kommende Saison stehen mit Blake Griffin, DeAndre Jordan, Austin Rivers, Wesley Johnson und Brice Johnson lediglich fünf Spieler, welche die rot-blauen Farben der Clippers bereits in der letzten Spielzeit repräsentierten.

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Aus Houston kommen im Austausch für Paul dank dessen offener Kommunikation über seinen Wechselwunsch mit Kettenhund Patrick Beverley, Mikrowelle Lou Williams, Sam Dekker und Montrezl Harrell immerhin einige sehr nützliche Spieler. Unter den Free Agents, die ihre Unterschrift in der Offseason unter den Clippers-Vertrag setzten, tragen vor allem Miloš Teodosić und Danilo Gallinari sowie mit Einschränkungen Willie Reed die in der Basketballwelt bekanntesten Namen. Mit den beiden Additionen Teodosić und Beverley soll der Abgang von Paul möglichst schnell vergessen gemacht werden. Auch die Abgänge des über viele Jahre solide aufspielenden J.J. Reddick nach Philadelphia und des mittlerweile 37-jährigen 6th-Man-Veterans Jamal Crawford dürften Lücken im Teamgefüge hinterlassen, welche es zu füllen gilt.

Auch abseits des Courts hat sich die Organisation neu aufgestellt: Doc Rivers steht zwar noch als Coach an der Seitenlinie, wurde aber in seinen sonnenkönigsgleichen Kompetenzen in der vorherigen Personalunion als Präsident of Basketball Operations und General Manager beschnitten. Ersteren Titel wird künftig mit Lawrence Frank ein Mann tragen, der eine beeindruckende fast 25-jährige Berufserfahrung als Head Coach und Assistant Coach in der Liga mitbringt. Rivers hatte Frank erst im Vorjahr ins Amt geholt.

Als General Manager wird künftig Michael Winger, der von den Thunder aus Oklahoma City kommt, seine Stempelkarte bei den Clippers durchziehen. Die Demontage von Rivers erfolgte nicht zuletzt auch auf Druck von Owner Steve Ballmer, der in einem Interview erklärte, Rivers könne sich nun ab der kommenden Saison wieder voll und ganz auf seine Aufgaben als Coach konzentrieren. Das wird auch bitter nötig sein, konnten die hohen Erwartungen an die Mannschaft in den letzten Jahren in den Playoffs doch beinahe nie erfüllt werden.

Beste Addition
Patrick Beverley ...  Chris Paul ist in den letzten Jahren unbestritten einer der besten Verteidiger auf der Eins. Aber defensiv kommt Patrick Beverley nah an seinen Vorgänger heran. Nicht umsonst waren die beiden in der letzten Saison Teamkollegen – im NBA All-Defensive First Team. Beverley ist ein mittlerweile ligaweit gefürchteter, bissiger Verteidiger, der schnell genug ist, vor jedem Guard in der Liga bleiben zu können und trotz seines eher schmächtigen Körperbaus eine gute Athletik mitbringt.

So talentiert und kompromisslos Beverleys Leistungen defensiv auch sein mögen, so limitiert ist der 29-Jährige offensiv. Zwar trifft er seinen Dreipunktewurf durchaus solide, in puncto Drive und der Spielgestaltung als primärer Ballhandler offenbart Beverley aber deutliche Schwächen. Dennoch: Seine positive Arbeitseinstellung und seine unbestreitbaren Führungsqualitäten sind genau das, was die Clippers aktuell brauchen.

The Planet
Blake Griffin ... Ausgestattet mit einem neuen Vertrag über fünf Jahre und 173 Mio. $ ist Griffin nach Pauls Abgang der alleinige Franchise Player der Clippers. Obwohl die beiden in der Vergangenheit gemeinsam von einer Saison mit 50+ Siegen zur nächsten eilten, soll die Chemie abseits des Feldes nicht gestimmt haben. Griffin steht nun allein in der Verantwortung, die Clippers offensiv zu führen.


Griffins Backcourtpartner DeAndre Jordan räumt hinten zwar eine Menge ab, ist aber in der Offensive abseits von Alley-Oops und Putback-Dunks so deplatziert wie ein Pinguin auf Mallorca. Blake Griffin entwickelte sein Spiel in den letzten beiden Jahren auch aufgrund von Verletzungen nur bedingt weiter: Nach fulminanten Leistungen 2013/14 und 2014/15 stagnierte Griffins Zahlenwerk seither weitestgehend. Blake neigte in den vergangenen Saisons immer stärker zu langen Würfen aus der Mitteldistanz, was sein Spiel immer mehr weg vom Korb verlagerte.

Einen ernstzunehmenden Dreier hat der athletische Power Forward bisher noch nicht entwickelt, was aber für die kommende Saison kein unrealistisches Szenario darstellt. Griffin ist weiterhin einer der besten Passer auf den großen Positionen (über fünf Assists pro Spiel über die letzten drei Saisons) und auch seine Athletik ist weiterhin über jeden Zweifel erhaben.

Rising Star
Miloš Teodosić ... Einen 30-Jährigen in dieser Kategorie zu nennen, mag gewagt erscheinen. Insbesondere wenn es um einen Mann geht, der seine basketballerischen Fähigkeiten in den letzten Jahren in gefühlt jedem Turnier auf internationaler und europäischer Ebene unter Beweis gestellt hat. Aber es ist nun mal Teodosićs erste Saison in der NBA und der Kader der Clippers strotzt auch sonst nicht von jungen, vielversprechenden Talenten.

Der 1,95 Meter große Serbe ist ein begnadeter Spielgestalter, der immer den offenen oder nicht-offenen Mitspieler mit seinem Anspiel finden kann. Teodosićs Spielübersicht wird in der kommenden Saison auch die NBA-Kommentatoren zum regelmäßigen Zungeschnalzen bewegen. Den FIBA-Dreier trifft der Guard mit schnellem Release treffsicher, was auch in der NBA funktionieren sollte. Defensiv könnte es für den Ex-Spieler von ZSKA Moskau in der NBA insbesondere im Duell mit athletisch überlegenen Spielern desöfteren kritisch werden.

Schlägt Teodosić in der NBA tatsächlich so ein, wie es nicht wenige Experten erwarten, könnte dies für die Clippers zum Problem werden: Der Aufbauspieler hat einen preisgünstigen Vertrag über zwei Jahre und zwölf Mio. $, wobei das zweite Vertragsjahr eine Spieleroption darstellt. Inwieweit die Fähigkeiten von Teodosić mit denen von Beverley zusammen aufs Pakett passen, wird sich zeigen. Mit Trainer-Sohn Austin Rivers steht eine weitere Option für die Starting Five im Kader.

Die Chemie zwischen Beverley und Teodosić, die 2009/10 bereits bei Olympiacos in Griechenland zusammen auf dem Feld standen, scheint jedenfalls schon zu stimmen:


Don’t Sleep! 
Lou Williams ... Der Mann, der Jamal Crawford schnell vergessen machen wird. Williams ist ein kompromissloser Scorer, der in der letzten Saison zunächst bei den Lakers und danach in Houston zusammen mit Eric Gordon Abend für Abend ein fulminantes Feuerwerk von der Bank abfackelte. Dabei lieferte „Sweet Lou“ über die Saison im Schnitt in 25 Minuten 17,5 Punkte und ging fünf Mal pro Spiel an die Freiwurflinie. Während sein Dreier mit einem Karrierewert von unter 35% auch aufgrund einer oft unkonventionellen Wurfauswahl eher durchschnittlich daherkommt, ist Williams' Drive, den er oftmals aus dem Pick-and-Roll initiiert, sowie seine Fähigkeit, sich den Wurf selbst zu erarbeiten, verlässlicher Garant für seine Punkteausbeute.

Jetzt ist Williams zurück in Los Angeles und geht in das letzte Jahr seines Vertrags, für das ihm die Clippers vergleichsweise magere sieben Mio. $ überweisen. Der eigentlich zu klein geratene Shooting Guard ist mittlerweile auch 31 Jahre alt und spielt in der nächsten Saison um seinen letzten großen Vertrag, was ihn zu Höchstleistungen antreiben dürfte.


Beste Fünf
Teodosić – Beverley – Gallinari – Griffin – Jordan

Good News
+ Der Paul-Abgang brachte einen wertvollen Gegenwert – die Vergangenheit lehrt uns, dass das keine Selbstverständlichkeit darstellt
+ Gallinari ist eine Top-Addition, welche die Clippers schon vor zwei oder drei Jahren gut hätten gebrauchen können. Kriegt er wie Griffin seine Aggressionen in den Griff und bleibt auch sonst verletzungsfrei, wird er mindestens eine wertvolle zweite Option im Angriff sein
+ Die Bank ist deutlich stärker als in den letzten Jahren und das Talentniveau des Kaders in der Breite ist ebenfalls angestiegen
+ Doc Rivers kann sich endlich wieder aufs Coaching konzentrieren

Bad News
- Nichts und niemand wird den Abgang von Chris Paul auffangen können
- Der Kader ist großteils im besten Basketballalter – das hilft allerdings nicht, denn für ganz oben reicht es nicht und es stehen kaum junge Spieler mit Perspektive oder hohe Draftpicks aus
- Paul ist zwar jetzt weg – aber wie kompatibel sind eigentlich Griffin und Jordan auf die Dauer?
- DeAndre Jordan und seine Freiwürfe bieten jedem gegnerischen Coach ein Gegenmittel gegen diesen begnadeten Athleten und Verteidiger

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Was fehlt?
Eine Struktur und ein funktionierendes Mannschaftsgefüge. Der neu formierte Kader lässt auf dem Papier einige Schwächen der Clippers-Kader der letzten Jahre, insbesondere im Hinblick auf Shooting und Produktion von der Bank, verschwinden. Jetzt gilt es, geeignete Rotationen und eine dem Spielermaterial angepasste Spielphilosophie auszumachen und umzusetzen. Die Defizite des Kaders dürften erst nach einigen Spielen deutlich erkennbar werden.

Check 1,2
Der Abgang des Führungsspielers schlechthin wird enorm schmerzen. Das lässt sich nicht bestreiten. Dennoch starten die Clippers mit einem runderneuerten Kader in die Saison, der berechtigte Ambitionen auf einen Playoff-Platz im starken Westen haben darf.

Ob es dann auch mal für länger als die erste Runde reicht, darf dann durchaus bezweifelt werden. Stellt sich in den nächsten Jahren kein Erfolg ein, dürfte es nicht nur beim Spielermaterial zu einem Umbruch kommen. Ballmer will gewinnen und nach der Teil-Demontage hat Rivers auch für seinen Platz als Head Coach sicherlich bei erneutem Scheitern keine sonderlich verlässliche Jobgarantie vom Owner.

Chef-Orakel
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