29 Oktober 2017

29. Oktober, 2017


Nicht nur der Saisonbeginn hat sich auf Mitte Oktober vorverlegt, auch das Personalkarussell und die Trading Season der NBA starten in diesem Jahr sehr früh. Hauptverantwortlich hierfür sind die Phoenix Suns, die im Sommer ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben und folglich praktisch an der Startlinie nachbessern müssen. Coach Earl Watson wurde nach drei Spielen in die Wüste geschickt, Phoenix' bester Spieler Eric Bledsoe will schnellstmöglich folgen.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

In der heutigen NBA genügt ein einziger Tweet, um die Kochtöpfe der Gerüchteküche überschäumen zu lassen. So geschehen am vergangenen Sonntag bei Phoenix Suns Point Guard Eric Bledsoe...


Kurz nach diesem Tweet wurde die Entlassung Watsons publik. Ein unmittelbarer Zusammenhang ist also offensichtlich, wenngleich Bledsoe diesen dementiert und behauptet, mit seiner Herzensdame in einem Friseursalon gewesen zu sein und das genervte Warten ihn zu diesem Tweet veranlasste.

Selbstverständlich kauft ihm nicht einmal sein eigenes Team diese Geschichte ab. Suns GM Ryan McDonough macht öffentlich keinen Hehl um Trade-Diskussionen. Infolge des Tweets wurde Bledsoe intern gesperrt, hat seit dem 21. Oktober kein Spiel absolviert. Somit ist auch dem letzten NBA-Team klar: Der 27-Jährige steht auf dem Trade-Block.


Dies bringt die Suns in Bedrängnis, denn erstens erhöht die bekannte Verfügbarkeit eines Spielers niemals dessen Marktwert, zweitens sind alle Spieler, die im Sommer einen neuen Vertrag unterschrieben haben, mindestens bis Mitte Dezember für Trades gesperrt, was wiederum die Optionen eines Transfers deutlich einschränkt.

McDonough macht für diese undankbare Situation Bledsoes Agenten Rich Paul verantwortlich, wirft diesem vor, seinen Klienten schlecht beraten zu haben und als Strippenzieher hinter dem berüchtigten Tweet einen Wechsel forcieren zu wollen.

Das Geschacher um Bledsoe hat begonnen und die Interessenten stehen Schlange. Als Favoriten gelten die Milwaukee Bucks (Jabari Parker, Malcolm Brogdon, John Henson, Mirza Teletović) und Denver Nuggets (Emmanuel Mudiay, Kenneth Faried), die auf Bledsoes Position dringenden Bedarf haben und beide ihre Ansprüche in dieser Spielzeit hochhängen.

Auch den L.A. Clippers, Bledsoes Ex-Klub, sowie den New Orleans Pelicans wird großes Interesse nachgesagt, haben jedoch wenig bis gar nichts anzubieten.


Auch weil die Suns in einen Trade um Bledsoe Veteranen-Center Tyson Chandler (35) involvieren wollen, dessen bis 2019 gültiger Vertrag über 13 Mio. $ pro Jahr auf dem Marktplatz wenig Begeisterung hervorruft. Sollten die Suns auf Chandler als Teil des Deals beharren, wirft das die Bucks und Nuggets zurück und bringt stattdessen andere Teams ins Rennen. Drei denkbare Szenarien, die Bledsoe und Chandler involvieren...

Detroit Pistons

DET: Eric Bledsoe, Tyson Chandler
PHX: Reggie Jackson, Andre Drummond

Die Pistons sind ordentlich gestartet, allerdings bestehen weiterhin Zweifel, ob das Duo Jackson/Drummond dauerhaft zu mehr als einem niedrigen Playoff-Platz sowie einem chancenlosen Erstrundenaus taugen. Mit Bledsoe als Taktgeber stehen die Sterne deutlich besser, erst recht wenn Detroit den zuletzt stagnierenden Drummond nicht bis 2021 fürstlich entlohnen muss. In Phoenix erhält der 127 Kilo Kampfkoloss ebenso wie Jackson einen Neuanfang und die Gelegenheit, sein Spiel ohne unmittelbaren Druck weiterzuentwickeln.


Orlando Magic

ORL: Eric Bledsoe, Tyson Chandler
PHX: Elfrid Payton, Mario Hezonja, Bismack Biyombo

Auch die Magic sind eine der Überraschungen der noch jungen Saison – umso mehr, weil in Elfrid Payton ihr regulärer Starter auf der Eins wegen einer Oberschenkelverletzung ausfällt und erst zwei Partien absolviert hat. Den 23-Jährigen gibt Orlando daher guten Gewissens zu den Suns ab, gemeinsam mit dem bisher durchweg enttäuschenden Mario Hezonja, der den Neuanfang dringend braucht, als fünfter Pick des 2015 Drafts aber noch nicht komplett abgeschrieben werden darf.

Biyombos überzogener Vertrag (17 Mio. $ pro Jahr bis 2020) ist der Konzessionspreis für jenen von Chandler. Mit seinen erst 25 Jahren hat der Defensivspezialist aus Zaire jedoch noch Luft nach oben und hilft den am Brett unterdurchschnittlich agierenden Suns. Orlando beendet mit Bledsoe die seit Jahren andauernde, verzweifelte Suche nach einem qualitativen Aufbauspieler und startet einen echten Angriff auf die Playoff-Plätze.

New York Knicks

NYK: Eric Bledsoe, Tyson Chandler
PHX: Frank Ntilikina, Enes Kanter, Lance Thomas

Auch wenn die Knicks eigentlich tief im Rebuild stecken: Geduld ist keine Tugend im Madison Square Garden und Superstar Kristaps Porzingis muss bei Laune gehalten werden. Anstatt auf die Zukunft setzen die Knicks mit Bledsoe auf die Gegenwart. Coach Hornacek kennt den Point Guard aus gemeinsamen Tagen in Phoenix bestens und bringt den griesgrämigen Borderline-All-Star schnell wieder in die Spur.


Tyson Chandler spielte von 2011 bis 2014 bei den Knicks, weiß also, wie die Dinge am Big Apple laufen und bringt sich als Backup Center und Lockeroom Leader ein.

Als Gegenwert entspricht Rookie Frank Ntilikina exakt dem Profil der Suns: Er ist jung, begabt, formbar und noch lange in einem kostengünstigen Vertrag. Phoenix hat zudem Zeit und Ruhe, um Kanter auf Herz und Nieren zu prüfen und zu entwickeln. Falls der gebürtige Türke eine defensive Zumutung bleibt, ist spätestens nächstes Jahr dessen auslaufender 20 Mio. $ schwere Vertrag ein interessanter Trade-Chip. Der zuletzt weitgehend irrelevante Lance Thomas wird zwecks Gehälterausgleich mit nach Arizona geschickt und unter Umständen sofort aus seinem Vertrag gekauft.

Ein weiteres Szenario um den Spanier Willy (Billy) Hernangómez, den die Suns angeblich gerne im eigenen Jersey sehen würden und der zuletzt bei den Knicks wenig bis keine Spielzeit bekam, ist ebenfalls denkbar.

Fazit

Die Suns stehen als einer der großen Verlierer des Saisonbeginns fest. Nicht wegen der Ergebnisse, alles andere als einer der letzten Plätze in der Western Conference wäre eine gigantische Sensation. Vielmehr hat die Franchise einmal mehr vor den Augen der Basketballwelt die eigene Inkompetenz und Planlosigkeit unterstrichen. Die Entlassung Earl Watsons mag zwar nicht ungerechtfertigt sein, hätte aber bereits im Sommer vollzogen werden können/sollen/müssen.

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Ebenso der Trade Bledsoes, den dieser offenbar schon länger fordert. Da der Point Guard nicht unmittelbar getauscht und sein berüchtigter Tweet bereits vor einer Woche abgesetzt wurde, scheint Phoenix auf Zeit zu spielen, in der Hoffnung, einen Bieterkrieg auszulösen und etwa die Bucks dazu zu verleiten, Rookie of the Year Malcolm Brogdon doch noch in den Topf zu werfen, was Milwaukee derzeit verweigert.

Allerdings steigt Bledsoes Marktwert kaum, solange er in Arizona zur persona non grata erklärt ist und dem Parkett fern bleibt. Bis Mitte Dezember zu warten, wenn die Free Agents des Sommers nach und nach für Trades verfügbar werden und der Markt somit größer wird, birgt ein nicht unerhebliches Risiko – kann aber funktionieren, falls Verletzungen oder sportliche Talfahrten andere Teams in Panik oder Handlungsnot bringen.