28 November 2017

28. November, 2017


Der 2. Juli 2016 markiert einen Wendepunkt in der bis dato unausgegoren anmutenden Karriere Eric Gordons. Nach fünf frustrierenden bis deprimierenden Spielzeiten bei den New Orleans Pelicans voller Verletzungen und Misserfolg, mit einer einzigen Playoff-Teilnahme, die in einem Sweep durch die Golden State Warriors mündete, war der Shooting Guard erstmals Unrestricted Free Agent – und wählte weise.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

Vier Jahre zuvor hatte Gordon als Restricted Free Agent ein für damalige Verhältnisse saftiges Offer Sheet der Phoenix Suns über 58 Mio. $ unterschrieben, in der Hoffnung, die ungeliebten Pelikane (damals noch New Orleans Hornets) verlassen zu dürfen – doch sie zogen zu Gordons Bedauern mit dem Angebot mit. Sein bedrückter Gesichtsausdruck bei der Spielerpräsentation in New Orleans 2011 bleibt bis heute unvergessen. Selten war ein Spieler weniger begeistert von einem Trade (damals ausgerechnet für seinen heutigen Teamkollegen Chris Paul).


Nach vier langen Jahren trat er an eben jenem Julitag 2016 in Verhandlungen mit den Houston Rockets, für deren „Moreyball“-Spielstil (Dreier, Layups, Freiwürfe) Gordon wie gemacht ist – weswegen er im Vorfeld von James Harden und Trevor Ariza mit Rekrutierungsanrufen bombardiert wurde. Die Texaner hatten gerade frisch nicht nur Offensiv-Guru Mike D'Antoni als neuen Chefcoach installiert, sondern auch Gordons in New Orleans ebenso frustrierten Teamkollegen Ryan Anderson verpflichtet.

Entsprechend die Reaktion des Scharfschützen: „I wanna sign with you guys“ hörte Houstons Delegation zur Begrüßung von Gordon. Prompt wurden Nägel mit Köpfen gemacht und ein Vierjahresvertrag über aus heutiger Sicht mehr als bescheidenen 53 Mio. $ ausgehandelt.

In seiner ersten Spielzeit bei den Rockets hat „Splash Gordon“ (in Anlehnung an den Comichelden Flash Gordon) weitaus mehr erreicht als in fünf Jahren in „The Big Easy“. Er avancierte mit 16,2 Punkten pro Spiel unmittelbar zum zweitwichtigsten Scorer des Teams, gewann relevante (Sixth Man of the Year) wie irrelevante (Three Point Shooting Contest bei All-Star Weekend) Awards, ebenso wie seine erste Playoff-Serie, respektive überhaupt sein erstes Playoff-Spiel.

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Und noch viel wichtiger: Gordon blieb gesund. Er absolvierte 75 Spiele der Regular Season, mehr waren es nur in seinem Rookie-Jahr 2008/09 bei den Clippers (78). Über 70 Spiele hatte er seither nicht erreicht. Die Anzeichen verdichten sich, dass die mageren Jahre in Los Angeles und New Orleans auch der Situation geschuldet waren, ungewollt für eine der sportlich wie strukturell schlechtesten Franchises der NBA auflaufen zu müssen.

Feuer frei in Houston

Die Spielphilosophie der Rockets hat sich der Indiana University Alumni erwartungsgemäß mühelos einverleibt. Seine Dreierversuche sind im Vergleich zum letzten Jahr bei den Pelicans um über zwei pro Spiel von 6,5 auf 8,8 gestiegen, diese Saison sogar nochmals auf 10,3 – nur Teamkollege Harden versucht es mit 11,1 jeden Abend noch häufiger. Dabei ist Gordon trotz der zahlreichen Würfe von Downtown nicht als reiner Shooter zu verstehen, er sucht ebenso häufig als Slasher oder im Pick & Roll den Zug zum Korb. Nur etwas über die Hälfte seiner Punkte kommen von der Dreierlinie.

Mit aktuell 19,7 kratzt er erstmals seit seinem letzten Jahr bei den Clippers wieder an der 20 Punkte Marke (die 20,6 Punkte pro Spiel aus der Spielzeit 2011/12 lassen wir bei nur neun absolvierten Partien für die Pelicans getrost unter den Tisch fallen). Neu ist die defensive Signifikanz von Houstons Nummer 10. Aus New Orleans mit dem Ruf gekommen, nicht nur verletzungsanfällig, sondern auch ein höchstens durchschnittlicher Verteidiger zu sein, weist Gordon in dieser Spielzeit ein bemerkenswertes Defensive Rating von 97,9 auf – der Teamdurchschnitt liegt bei 101,7.


Da erst knapp ein Viertel der Saison gespielt ist und der es Spielplan bisher gut mit den Raketen meinte, sind diese Werte sicherlich mit Vorsicht zu genießen. Die Tendenz lässt sich jedoch nicht leugnen: Gordon hat spätestens in der verletzungsbedingten Abwesenheit von Houstons Neuzugang Chris Paul den Schritt vom ständig verletzten, ewigen Talent zum Leistungsträger an beiden Enden und zur ernstzunehmenden zweiten Scoring Option eines Anwärters auf die Conference Finals geschafft.

Das beste Beispiel für Gordons Stellenwert bei den Rockets: Ende Oktober waren sie auswärts bei den Philadelphia 76ers kurz vor Schluss mit zwei Punkten im Rückstand. Nach einer Auszeit ging der Ball zwar zu James Harden, doch dieser – als Franchise Player und legitimer MVP-Kandidat – suchte vorsätzlich nicht selbst den Abschluss, sondern Gordon in der Ecke. Dieses Vertrauen zahlte sich aus, der Buzzerbeater ging ins Ziel und Houston als Sieger vom Feld.


Wieder in der zweiten Reihe

Seitdem Chris Paul wieder im Aufgebot der Rockets steht, kehrt Gordon zu seiner alten Rolle als offensiver Anführer der Bank zurück – bisher mit nur mäßigem Erfolg: Als Bankspieler steht er im Schnitt sechs Minuten weniger auf dem Feld, erzielt lediglich 13,8 Punkte pro Spiel, trifft nur 17,5% seiner Dreier. Bei erst fünf absolvierten Partien als Bankspieler besteht freilich kein Grund zur Sorge, erst recht da ihn aktuell eine leichte Wadenverletzung einschränkt. Gordon bleibt genug Zeit, seinen Titel des besten sechsten Mannes zu verteidigen.

Als Degradierung versteht Gordon diesen Rückschritt in die zweite Reihe nicht, vielmehr als Anerkennung. Seit Jahren gerät die Offensive der Roten ins Stocken, sobald Harden eine Verschnaufpause erhält. Es ist an Gordon, diese essentiellen Minuten nicht nur zu überbrücken, wie es vor seinem Wechsel nach Texas in Houston der Fall war, sondern profitabel zu gestalten. An der Seite von Chris Paul dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis er neue Karrierebestwerte aufstellt.

In vier Wochen, am ersten Weihnachtsfeiertag, wird Gordon 29 Jahre alt. Er steht auf dem Höhepunkt seines Schaffens, nach Jahren in der sprichwörtlichen Wüste ist seine Zeit jetzt gekommen. Er hat ein Team, ein System und eine Rolle gefunden, in der er funktioniert und um die oberen Ränge mitspielt, anstatt im März bereits seinen Urlaub zu buchen. Seine Karriere wird sich über diese und die nächsten Spielzeiten definieren. Es ist die große Chance, das Bild des begabten, aber ständig verletzten und chronisch erfolglosen Eric Gordon zu korrigieren oder gar in Vergessenheit geraten zu lassen.